Dienstag, 22. September 2009

7 Monate Namibia - Viva la vida

Sieben Monate bin ich nun in Namibia. Sieben Monate, die sich wie Urlaub anfühlten, sitze ich doch gerade mit einem Glas Rotwein bei 26 Grad auf unserer Sonnenterrasse. Sieben unvergessliche Monate, voll mit Bildern, Erinnerungen, Freundschaften. Wie erfüllt die Zeit war, merke ich, als wir auf unserem letzten Wochenendtrip im Etosha National Park an einer Giraffe und einem Elefanten vorbeifahren - doch wir bremsen nicht mehr für ein Foto, wir haben schon so viele.

Zimbabwe, Botsuana, Kapstadt, Namibia von Nord nach Süd, die Himba-Völker, die „Big Five“ der afrikanischen Tierwelt. Ein etwas anderes Studiensemester und im Anschluss ein unheimlich spannendes Praktikum bei der GTZ. Ich wüsste nicht, wo ich anfangen sollte, wenn mich jemand nach meiner Zeit in Namibia fragt.

An diesem Samstagabend setze ich mich dann bereits wieder ins Flugzeug Richtung Frankfurt. Es gibt vieles, auf das ich mich auch in Deutschland freue, aber eins steht fest: Ich möchte wiederkommen eines Tages. Möchte sehen, was aus Namibia geworden ist, diesem Land, welches in diesem Jahr gerade erst 19 geworden ist. Möchte wieder für ein Giraffenfoto bremsen. Und möchte mich in altes, verrostetes Taxi setzen und zu afrikanischen RnB-Klängen die Independence Avenue rauf und runter fahren..

Steffen

Donnerstag, 27. August 2009

Eine Hauptstadt mit vielen Gesichtern

„Kaffeekränzel“, „Nutella“, „Landbrot“, „Die Zeit“. Anstatt wie sonst beim Namibier um die Ecke zu shoppen, dränge ich mich an diesem Samstagmorgen mit meinem Einkaufswagen durch die Gänge des SuperSpar. Dass Deutschland gute 10.000 Kilometer entfernt ist, kann ich angesichts des Warenangebots nur schwer glauben. „Entschuldigung?“. An mir schiebt sich ein deutscher Bierbauch vorbei, der mit seinem Partyfässchen „Jever“ schwer zu tragen hat. Es gibt sie noch, diese deutschen Inseln in Windhoek.


Sechs Monate bin ich nun schon in Namibia, Heimatland von mehr als zehn Volksstämmen und unzähligen weiteren Untergruppierungen. In ihrer Geschichte verwurzelt, sind sie quer im ganzen Land verteilt. Die Ovambo im Norden, die Himba im Nordwesten, die San im Nordosten, Baster und Coloureds im Süden, Deutschnamibianer auf den Farmen im ganzen Land. Es gibt nicht viele Städte in Namibia, aber in der Hauptstadt Windhoek wird der „Clash of Cultures“ so deutlich wie ich es nicht erwartet hätte. Was die einen als kulturelle Vielfalt preisen, ist für anderen die Ursache für viele Probleme im Land. Ich erinnere mich an die frustrierten Worte eines belgischen Entwicklungshelfers über den zermürbenden Kampf, ethnische Trennungen aufzuheben und alle Stämme aktiv in die Politik miteinzubeziehen. Ein Kampf, der geführt werden muss. Denn nach wie vor wird die von fast ausschließlich Ovambo unterstütze SWAPO-Partei (South West Africa People’s Organisation) mit bis zu 80% der Stimmen gewählt.


Seit 19 Jahren ist Namibia politisch unabhängig und fängt gerade erst an, seine eigene Identität zu entwickeln. Die Auswirkungen der über Jahrhunderte andauernden Kämpfe und Besatzungen des Landes sind ein Teil davon. Sei es der südafrikanische Rand, mit dem anstatt des namibischen Dollars gezahlt werden kann, das Linksfahrgebot, ein Überbleibsel der britischen Krone, oder das deutsche Reinheitsgebot, nach dem das Windhoek Lager gebraut wird - die Geschichte wurde geschrieben, große Teile davon durch unsere Vorfahren. Und diese Geschichte ergibt zusammen mit dem neuen, jungen Namibia einen perfiden Mix.


Einem Mix, den man sich nicht entziehen kann. Fährt man in den Norden Windhoeks, führt einen die „Hans-Dietrich-Genscher Straße“ in die Vorbezirke von Katutura. Schlendert man durch die Innenstadt entlang der Independence Avenue, sind historische Gebäude Zeugen einer anderen Zeit. Wo sich die „Robert Mugabe Avenue“ mit dem „Sam Nujoma Drive“ (benannt nach dem ersten Präsidenten und obersten Freiheitskämpfer) kreuzt, erinnern Christuskirche und Reiterdenkmal an die deutsche Herrschaft in Südwestafrika. Das Reiterdenkmal aus dem Jahre 1912 steht symbolisch für mehr als 1700 während des Herero-Aufstandes gefallene deutsche Soldaten. Dass im Gegenzug zehntausende Hereros ihr Leben lassen mussten, interessierte damals nicht.

Damals nicht. Doch die politische Führung des heutigen Namibias versucht sich zu emanzipieren, einige sagen zu „degermanisieren“. Strassennamen, Relikte aus der Kaiserzeit, werden nach und nach umbenannt. Anti-Deutschland Parolen werden für den Wahlkampf instrumentalisiert. Und auch der deutsche Reiter zieht um, an einen weniger exponierten Platz. Er muss weichen für ein neues Museum über den Freiheitskampf zur Unabhängigkeit.


Die Zukunft wird zeigen, welchen Platz den Deutschnamibiern in diesem Land bleibt. Meine Hoffnung ist, dass eines Tages Weiße, Schwarze und Coloureds zusammen das neue Namibia formen - ohne historische Belastungen und Schuldzuweisungen. Was diese Hoffnung nährt, ist die Offenheit der jüngeren Generation, die wir ganz besonders erfahren. Sie kennen den Freiheitskampf selbst nur aus Erzählungen. Und werden vielleicht ihren Kindern selbst irgendwann von ihren (weißen) Freunden erzählen.


Steffen
(Ein paar Eindrücke aus Windhoek, meiner Wohnung und dem Nachtleben findet ihr im Album!)

Montag, 3. August 2009

Elefant, Giraffe & Co. - 4000 Kilometer durch das südliche Afrika

Unser erster Besuch aus Deutschland erreicht uns Mitte Juni. Markus, ein Münsteraner Kommilitone, ist zu Besuch gekommen und zusammen mit Fred und Clementine will ich in den zwei Wochen das sehen, was man sonst nur aus dem Bilderbuch kennt: Victoria Falls, Chobe, Moremi, das Okavango-Delta - 4000 Kilometer durch Namibia, Botsuana und Zimbabwe. Aber mittlerweile wisst ihr ja auch, wie das hier ist mit den Entfernungen…

Unsere erste Station, der Caprivistreifen, führt uns zwar in einen Teil Namibias. Dass sich die Caprivianer jedoch aufgrund ihrer Geschichte als eigenes Volk, wenn überhaupt als Botsuaner fühlen, stellen wir fest, als wir an verschlossenen Türen der Wechselstube in Katima Mulilo rütteln. Meine Armbanduhr zeigt mir 12 Uhr namibische Zeit. Im Caprivi ist es jedoch - wie in Botsuana - schon 1 Uhr. Und auch sonst hat dieser schmale Landstrich im Nordosten Namibias seinen ganz eigenen Charakter. Kurz nachdem wir den Veterinärzaun passieren und unseren Geländewagen Richtung Rundu steuern, füllt sich die Landstraße. Sind wir vorher hunderte von Kilometern unter uns gewesen, rücken die Dörfer jetzt ganz nah an die Straße heran. Links und rechts der Fahrbahn gehen Kinder von der Schule nach Hause, tragen die Frauen ihren Einkauf auf dem Kopf zu ihren Holzhütten.

Eigentlich ist der Caprivi eine eigene einwöchige Reise wert. Wir befinden uns aber nur auf der Durchfahrt - zu den Victoria Falls. Folgt man den Ratschlägen der gängigen Reiseführer, sollte man sich diese aus Sicherheitsgründen von der zambischen Seite anschauen. Aber wann hat man schonmal wieder die Chance nach Zimbabwe zu fahren? Und so passieren wir bereits in der Dunkelheit den einem Bauernhof ähnelnden Grenzübergang ins Robert-Mugabe-Land. Um ein Haar wären wir übrigens ungewollt doch nach Zambia übergefahren. Gut, dass wir in der Grenzstadt Kazungula im Dreiländereck noch einmal genau nachgefragt haben („Border to Zimbabwe here?“ - „No no, this is Zambia. Zimbabwe is one kilometre over there“). Auf unserer 2-Stunden-Fahrt zu unserem Campingplatz in Victoria Falls begegnet uns nicht ein einziges Auto. Nur sehe ich plötzlich etwas Weißes im Fernlicht unserer Scheinwerfer links neben der Straße: die Stoßzähne unseres ersten Elefanten. Im einst florierenden Victoria Falls zeigt sich uns dann, was ein seniler Diktator innerhalb einiger Jahre anrichten kann. Aus den Geldautomaten kommt kein Geld, der eine Straßenhändler würde mir fünf seiner Holznilpferde im Tausch gegen meine ausgelatschten Turnschuhe geben, der andere möchte 100 Trillionen Zimbabwe-Dollar gegen einen US-Dollar wechseln.

Zum Glück gibt es Dinge, die sich dem Einfluss der Politik entziehen, und dazu gehört meistens die Natur. Auf gigantischen 1700 Metern donnert vor uns der Zambezi River in die Tiefe - mehr als eine Million Liter Wasser pro Sekunde. Dass wir bereits nach wenigen Minuten bis auf die Unterhose durchnässt sind, stört angesichts der angenehmen Temperaturen nicht. Schaut euch die Fotos an...

Mag das Land in einem wirtschaftlich noch so miserablen Zustand sein, die Menschen in den kleinen Touristenort Victoria Falls geben sich alle Muehe, dieses auszublenden. An der Grenze sagt man uns schliesslich: "See, Zimbabwe is not like you read in the newspapers. Come back one day!" Und so verlassen wir Zimbabwe schließlich mit dem Bedürfnis, die Reiseführer umzuschreiben. Und machen uns auf den Weg nach Kasane am Chobe National Park und zum Moremi Game Reserve in Botsuana - einem Paradies für Tierfotografien, aber auch einem der exklusivsten Ziele in Botsuana. Wir campen nur ein paar Meter neben einer Luxuslodge direkt am Chobe River, dem Wasserreservoir für Tiere der unterschiedlichsten Arten. Nach einer Bootstour im Sonnenuntergangslicht können wir bereits drei der „Big Five“ der Tierwelt abhaken: Löwe, Büffel, Elefant. Letztere sogar schwimmend den Fluss durchquerend.

Den Okavango-Fluss haben wir bereits vor einigen Tagen überfahren. Was sich uns aber während unseres 3-Tage Aufenthaltes in Maun präsentiert, wird auch der „Juwel der Kalahari“ genannt, das Okavango-Delta. Auf einer Fläche der Größe Schleswig-Holsteins bietet das Delta natürlichen Lebensraum für tausende Tierarten - und es verändert sich. Dort, wo im letzten Jahr vielleicht noch Trockensavanne gewesen ist, sehen wir während unseres 1-stündigen Rundflugs in Sumpflandschaften lebende Elefantenherden. Große Teile des Deltas sind mit dem Auto und dem Boot nicht zu erreichen. Doch wer sich eine der noblen Lodges auf diesen Inseln leisten kann (bis zu 500 USD am Tag), den schmerzt vermutlich auch der Helikopter-Flug nicht. Wir greifen vorerst auf ein traditionelleres Transportmittel zurück, die aus einem Holzstück gefertigten Mokoros, und lassen uns von zwei Einheimischen einen Tag auf dem Thamalakane River durch das Delta staken.

Ein neben uns zeltender holländischer Tour-Guide gibt uns schließlich einen Tipp für die letzten zwei Tage unserer Reise und so fahren wir nochmals in den Norden Botsuanas, zu den von den San bewohnten Tsodilo Hills. Hier bietet sich uns ein faszinierender Ausblick auf die Kalahari-Wüste - mehr als 100 Kilometer in jede Richtung, ohne eine Spur von Zivilisation. Und nicht zuletzt rechtfertigen wir auch die Anmietung eines Allradfahrzeugs, denn nur mühsam gräbt es sich durch den tiefen Sand der Kalahari.

Drei Länder haben wir in den letzten Tagen gesehen, drei Länder, die sich trotz ihrer unterschiedlichen politischen Struktur und natürlichen Ressourcen den gleichen wirtschaftlichen Herausforderungen gegenüber sehen. Auch in Windhoek fehlt es einem (als Weißer) an nichts. Als wir in Botsuana jedoch kurz vor unserer Rückfahrt nach Namibia noch einmal unsere Vorräte auffüllen - die uns leider an der nächsten Veterinärkontrolle fast vollständig wieder abgenommen werden -, fällt mir auf, dass die Supermärkte in Botsuana fast auf europäischem Niveau sind. Wieso ist dieses Land, welches auf die gleiche koloniale Geschichte wie Namibia zurückblickt und über die gleichen natürlichen Reichtum in Form von Diamanten verfügt, seinem Nachbarn in der wirtschaftlichen Entwicklung ein gutes Stück voraus? Es gibt nicht nur einen Grund, aber eine seit mehr als 10 Jahren stabile Regierung und Investitionen in das Bildungswesen in Höhe von 40% der Wirtschaftskraft mögen eine Rolle spielen. Vielleicht kann Botsuana so den Weg vorzeichnen, den Namibia einmal gehen wird. Und gehen sollte.

Steffen

Montag, 13. Juli 2009

Der siebte Tag

„Das sind Johannes und Steffen, zwei Studenten aus Deutschland. Lasst uns sie in unserer Mitte willkommen heissen!“ Die Gemeinde dreht sich zu uns um. Lächelt uns an. Und klatscht für uns in die Hände.

Es ist 9 Uhr an einem heißen Sonntag im April. Ich stehe mit Johannes im Okuryangara, einem der ärmsten Viertel in Katutura. In einem ausgetrockneten Flussbett spielen Kinder Fußball. Hier gibt es keinen Strom, kein fließendes Wasser, keine Toiletten. Aber es gibt eine Kirche, die „Babilon Gospel Church“, so kann man dem kleinen Pappschild davor entnehmen. Es ist kein großes Bauwerk, ohne Glockenturm und ohne Kanzel, sondern ein Wellblechbau von etwa 6x20 Metern. Durch ein paar wenige kleine Fenster fällt etwas Licht in die stickige Luft im Innern.

Die Gemeindemitglieder gehen an uns vorbei, gucken uns mit großen, fragenden Augen an, und tragen ihre Plastikstühle in die nur mit wenigen Holzbalken ausgestattete Kirche. Ein Gemeindevertreter bittet uns schließlich herein und deutet auf zwei Plätze in der vordersten Reihe der Kirche. Dankend schütteln wir seine Hand, lassen uns aber lieber erstmal hinten im rechten Teil der Kirche nieder. Als diese sich langsam füllt, merken wir, dass um uns herum nur Männer sitzen. Im linken Bereich der Kirche sammeln sich die Frauen mit den Kindern, viele noch so klein, dass sie für die nächsten Stunden an der Brust der Mutter nuckeln werden.

Der Gottesdienst beginnt mit einem Lied auf Oshiwambo, der Sprache des gleichnamigen Volksstammes, dem der Großteil der Namibianer angehört. Auch wenn wir die Sprache nicht verstehen, klingt er Gesang fröhlich und aufrichtig. Viele Gemeinemitglieder stehen spontan auf, fangen an zu tanzen, klatschen mit den Händen im Takt. Johannes und ich gucken uns kurz an, stimmen dann, etwas zurückhaltender, mit ein. Und ernten dafür immerhin ein anerkennendes Lächeln. Anschließend gibt der Pastor ein Zeichen. Die Fenster und Türen werden verschlossen, es wird dunkel in der Kirche und es folgen die vielleicht längsten 3 Minuten meines Lebens. Denn schlagartig wirft sich die Gemeinde auf den Boden, fängt an auf den Holzboden zu klopfen, und dabei laute Rufe auszustoßen. Ich habe später nicht den Mut, nach diesem Ritual zu fragen, aber vermute - während ich neben Johannes als einziger in der Kirche noch auf der Bank sitze -, dass die Menschen auf diese Art ihre Sorgen und Sünden loswerden können, durch die Kirche geschützt von der Außenwelt.

Es folgt ein langer Gottesdienst und wir haben Glück, dass ein Gemeindevorstand Teile ins Englische übersetzt. Die wöchentliche Post wird verteilt, es werden biblische Bilder diskutiert und der Pastor und Gemeindemitglieder halten kleine Ansprachen. Schließlich geht eine Frau nach vorne und fängt an, laut auf Oshiwambo zu reden und zu singen. Peter, der eine Reihe vor uns sitzt und uns das Schauspiel auf Englisch zusammenfasst, erklärt uns, dass sich jedes neue Gemeindemitglied auf diese Weise vorstellt. Die Frau sei nach vielen Jahren im Norden Namibias wieder in die Gemeinde zurückgekehrt. Zwanzig Minuten erzählt sie - durch zustimmendes „Ehhhh“ aus der Gemeinde unterbrochen - von ihren Sorgen in den vergangenen Jahren. Jetzt sei sie froh, wieder zurück zu sein mit ihren Kindern und stimmt zum Abschluss ein weiteres Lied an. Wir fragen uns, ob denn auch wir hier als neue Gemeinemitglieder angesehen werden. Und tatsächlich, nach einer Stunde und vier weiteren Vorstellungen wendet sich der Pastor schließlich an uns. „Gibt es vielleicht irgendwas, was ihr der Gemeinde sagen wollt? Vielleicht wer ihr seid und wo ihr herkommt? Das würde der Gemeinde viel bedeuten.“ Heute nicht. Eine halbstündige Geschichte wie die anderen haben wir onehin nicht zu erzählen und so überlassen wir es dem Pastor, uns kurz vorzustellen. Die Gemeinde begrüßt uns mit Applaus.
Schließlich tritt ein Mann nach vorne, den alle „Vater“ nennen. Viele Gemeindemitglieder kennt er seit seiner Kindheit. Er ist kein Priester, kein Pastor, trotzdem hören ihm die Menschen zu. Anfangs noch sehr gemäßigt, steigert er sich hinein in eine Predigt über Moral und Fleiß, so dass schließlich sogar der Übersetzer Mühe hat, schnell genug auf Englisch zu folgen.

Wir verlassen die Kirche schließlich um kurz nach eins - durstig, aber um einige Erfahrungen reicher. Der Gottesdienst hat nahezu vier Stunden gedauert. Dies zeigt, wie sehr die Kirche im Mittelpunkt des Alltags vieler Afrikaner steht, ganz besonders in dem der Ärmeren. Sie ist keine religiöse Institution, sondern ein Ort der Begegnung, der Hoffnung - in einem Leben, dass durch Leid, Krankheit und Verzicht geprägt ist.

Ein anderer Ort der Begegnung sind Katuturas kleine Kneipen, die Shebeens, in die sich viele Gemeinemitglieder jetzt mit ihren Plastikstühlen zurückziehen. Die Bibel sage, man solle sonntags ein wenig Wein trinken. Was „ein wenig“ bedeutet, sei jedoch Ansichstssache, sagt ein Mann. der auch Johannes heißt. Er hält sein Glas hoch und lacht. Sein Lachen und das der vielen anderen Menschen in der Kirche werden wir an diesem Tag mit nach Hause nehmen.

Steffen

Montag, 6. Juli 2009

The world is like a book...

... and traveling is turning the pages.

Es ist eine Menge passiert in den letzten Wochen. Das Kapitel „Polytechnic“ ist für mich abgeschlossen, mein Praktikum bei der GTZ wird von Tag zu Tag interessanter und wir hatten Besuch aus Deutschland für eine 11-tägige Campingtour durch das südliche Afrika. Nicht zuletzt habe ich erstaunt festgestellt, dass schon mehr als Bergfest ist für mich hier. Und es gibt noch so viel zu entdecken in diesem Land, welches sich ueber mehr als 1500 Kilometer in nord-suedlicher Richtung erstreckt. Mittlerweile ist mir jedoch klar, dass Entfernungen in Namibia eigentlich keine Rolle spielen. Hier wird das wahr, was woanders als Platituede verwendet wird: Der Weg ist das Ziel!

Doch alles der Reihe nach... Die bis jetzt beeindruckendste Reise führte mich Ende Mai in den äußersten Nordwesten Namibias. Unser Reiseziel ist der wohl am wenigsten entwickelte, aber gleichzeitig ursprünglichste Landstrich Namibias, das Kaokoveld. Die wenigen Sandpisten, die es dort gibt, wurden vor einigen Jahrzehnten aus militärischen Zwecken errichtet; die Landkarten der Region zeigen GPS-Koordinaten an Stelle von Ortsangaben. Ausgetrocknete Flussbetten, Felsbrocken und Wasserriviere erschweren die Fahrt. Während wir hinter Windhoek noch mit einem guten 100er-Schnitt unterwegs sind, benötigen wir mit unserem Geländewagen für 30 Kilometer zu den Epupa Falls entlang der angolanischen Grenze knapp 5 Stunden. Der Ausblick ist jedoch alle Muehen wert, diese Wasserfaelle des Kunene River gleichen einer erfrischenden Oase.


Weiter im Inland ist das letzte Gruen des Kunene schliesslich oeder Sand- und Savannenlandschaft gewichen. Fred steigt auf die Bremse. Habe ich gerade noch am Strassenrand grasende Zebras fotografiert, ueberquert jetzt 50 Meter vor mir eine Giraffenfamilie die Strasse. Spaeter steuere ich das Auto durch eine 50-koepfige Gruppe Springboks. Die 300 Kilometer huegelige Schotterstrasse vergehen wie im Flug.


Diese Ecke Namibias praesentiert sich uns als lebensfeindlicher, wuestenaehnlicher Landstrich. Und doch bietet sie seit Jahrhunderten den Lebensraum fuer die Himba, ein Nomadenvolk aus Viehzuechtern, Jaegern und Sammlern. Von den Nama ausgeraubt, zum Betteln gezwungen. Von der suedafrikanischen Besatzungsmacht in das Kaokoveld vertrieben, von der namibischen Regierung geduldet, aber vernachlaessigt – ein Leben ohne Personalausweis oder Geburtsurkunde. Die Geschichte gab dem Herero-Stamm ihren Namen. Himba bedeutet „Bettler“, erklaert uns Halow, unser Guide und Uebersetzer, der uns an diesem Tag begleitet.


Es ist fuer mich eine Reise in eine ferne Vergangenheit. So sehr bestimmen Riten und Traditionen den Alltag der Himba. Die Haeuser im Dorf, gefertigt aus Lehm und Dung, sind rund um das heilige Feuer errichtet, welches niemals erloeschen darf. Es schafft eine Verbindung zwischen den Lebenden und den Toten. Die Frisur zeigt an, ob ein Kind bereits die Pubertaet erreicht hat; der Schmuck, ob eine Himba-Frau bereits verheiratet ist. Als ich gefragt werde, wie alt denn meine Frau waere und wieviele Kinder ich habe, muss ich lachen. Die Himba auch. Ob ich denn keine Frauen moegen wuerde. Dass ein 22-jaehriger noch unverheiratet ist, koennen sie sich nicht vorstellen.

Einen Spiegel duerfen die Himba nicht benutzen und so sind die Bilder auf unseren Kamera-Displays eine grosse Attraktion. Auch die Beruehrung mit Wasser ist zu meiner grossen Verblueffung verboten. Das vermeintliche Hygiene-Problem wird durch Kreativitaet geloest. Aromastoffe enthaltende Baumrinden werden verbrannt, der aufsteigende Rauch bekaempft die Keime im Intimbereich der darueberknienden Frau. Spaeter werden wir noch eingeladen, die traditionelle Ziegenmilch zu probieren. Zu einer ueblichen Mahlzeit fehlt noch Maismehl.

Die Himba sind auch heute noch Subsistenzfarmer, betreiben Viehzucht und Ackerbau. Es versteht sich, dass wir ihnen als Gegenleistung fuer unseren Besuch eine Packung Mehl ueberlassen. Und zeigen so umbemerkt, wie die Zukunft der Himba aussehen koennte. Denn immer mehr oeffnet sich das durch Infrastrukturmassnahmen der namibischen Regierung bedrohte Volk dem Tourismus und versucht, neue Einnahmequellen zu erschliessen. Halow versichert uns spaeter, dass wir bei den Himba mehr als willkommen waren. Es ist eine beruhigende Bestaetigung, und erklaert die vielen lachenden Gesichter, die uns Weisse mit grossen Augen anguckten.

An der Entwicklung und dem Aufschwung Namibias in den letzten Jahrhunderten moegen die Himba nicht beteiligt gewesen sein. Ich denke nicht, dass man sie deswegen bedauern muss. Sicher, die Zukunft wird nicht vor den Himba Halt machen, das zeigt mir das Mobiltelefon eines Himba-Jungen, den wir spaeter ein Stueck in unserem Auto mitnehmen. Es bleibt aber zu hoffen, dass es eine Zukunft ist, die auf den Traditionen aufbaut und die Lebensfreude der Himba erhalten kann.Unser Weg zurueck in das moderne Namiba, nach Windhoek, fuehrt uns an die Skeleton Coast, einem Teil der Namib-Wueste direkt am Atlantischen Ozean. Die mondaehnliche Landschaft verdankt ihrem Namen sagenumwobenen Schiffshavarien zur Zeit der Kolonialisierung. Der Himmel zieht sich zu, die Temperaturen sinken innerhalb weniger Kilometer von 30 auf 15 Grad. Die Atmosphaere passt sich der duesternen Stein- und Geroellwueste an. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit haben wir unsere erste Reifenpanne. Wir erreichen unser Camp direkt am Meer schliesslich lange nach Einbruch der Dunkelheit und pluendern unsere letzten Vorraete an Fertignudeln bei eisigem Wind. Und versuchen nachzuvollziehen, wie sich unsere Vorfahren hier vor Jahrhunderten gefuehlt haben.



Diese 5 Tage Namibia haben mir gezeigt, dass Namibia ein Land der Kontraste ist. Kontraste, die faszinieren. Entfernungen existieren hier lediglich auf der Landkarte. Jeder Kilometer wartet darauf entdeckt zu werden, birgt Ueberraschungen und bringt mir das Land und seine Menschen naeher. Naeher als es die Hauptstadt Windhoek je schaffen wuerde.

Steffen
(Bilder wie immer im Album!)

Montag, 1. Juni 2009

Ort, an dem wir bleiben

“Die Straße ist das Leben – das Leben ist die Straße in Katutura“, sagt man. Auf den Straßen des Townships leben 10% der gesamten Bevölkerung Namibias. Ursprünglich war Katutura ein geplanter Stadtteil in der Hauptstadt, aus der Not geboren, durch die Apartheidsgesetze der südafrikanischen Besatzung legitimiert. Als in den 1950er Jahren der Wohnraum für die weißen Einwohner Windhoeks zusehend knapp wurde und an seinen Grenzen mit den Vierteln der schwarzen Damara, Owambo, Nama und Herero zusammenstieß, entschied die Stadtverwaltung die Zwangsumsiedlung der Ureinwohner in den Nordwesten der Stadt – nach Katutura.
Auch wenn 1981 die Apartheidsgesetze weitestgehend abgeschafft wurden und den schwarzen Bevölkerungsschichten der Erwerb von Wohnraum in anderen Stadtgebieten gestattet wurde, ist Katutura nach wie vor ein schwarzer Stadtteil. Das ist für die Menschen dort so selbstverständlich wie für die Farbigen in Khomasdal oder die Mehrheit der Deutschen in Klein Windhoek. Das Stadtbild der namibianischen Hauptstadt ist auch heute noch geprägt durch ethnische Trennung.


Die Mehrzahl der Namibianer, die nach Windhoek ziehen, ist schwarz und kommt aus dem Norden des Landes. In der Regel ist es die verzweifelte Suche nach Arbeit, die sie ihre Familien hunderte von Kilometern zurückbleiben lässt. Und so wächst Katutura täglich um 400 Einwohner – ein Tempo, welches selbst ein entwickeltes Land schlichtweg überfordern würde. Die Folge ist eine mangelhafte Infrastruktur, die der rasanten Ausdehnung nicht schritthalten kann.
Es ist Sonntagmittag. In der heißen Luft Katuturas riecht es nach Erde. Nach verbranntem Holz, geht man an den öffentlichen Grillplätzen vorbei. Nach Kot und Urin, verlässt man die geteerten Straßen und wagt sich in die Außenbezirke.
Wir gehen vorbei an Straßenmärkten, Friseursalons und Shebeens. Das sind kleine Kneipen, meist aus Wellblech, ausgestattet mit einer Musikbox und einem Billardtisch. Es ist bereits mein dritter Ausflug an einem Sonntag, eine Flucht aus der leblosen Stadt, hinein in die Lebensfreude Katuturas.


Aus Angst haben wir bis jetzt nie eine Kamera mitgenommen, lediglich das nötigste Kleingeld für die Taxifahrt. Heute schon. Das Treiben auf den Straßen, die Herzlichkeit der Menschen, nur an wenigen Orten Windhoeks habe ich mich bisher sicherer gefühlt. Und tatsächlich erlaubt das Ausmaß der Kriminalität keinen Vergleich zu Townships in Johannesburg oder den zentralafrikanischen Staaten. Zu meiner Überraschung erfahre ich später, dass die Kriminalitätsrate etwa so hoch ist wie in Wiesbaden. In Katutura wird die Wäsche genauso oft von der Leine gestohlen, die Tasche des unvorsichtigen Touristen unbemerkt um ein paar Euro erleichtert, wie in Deutschland Steuererklärungen gefälscht werden. Nur Zeit kann wohl die Vorurteile vergessen machen, die vor 50 Jahren vielleicht zutreffend gewesen sein mögen.

Als Weißer in Katutura ist man etwas Besonderes. Es gibt nicht viele, die nicht kurz ihren Kopf aus ihren Hütten stecken oder die Hand lässig aus dem Autofenster strecken, um uns zu grüßen. Viele wollen einfach wissen, wie es uns geht. Die meisten wundern sich über unsere bloße Anwesenheit, können nicht verstehen, dass wir das von Armut geprägte Leben der Menschen mit eigenen Augen sehen wollen, dass ihre Lebensfreue uns fasziniert. Mein Gefühl, ungebetener Gast in einem Armuts-Zoo zu sein, wird spätestens dann weggewischt, als Johannes anfängt, zu fotografieren. Denn die Menschen in Katutura wollen fotografiert werden, freuen sich über den kleinen Moment Aufmerksamkeit, lachen und staunen, als sie sich Sekunden später im Display der Kamera wiederkennen. Wir versprechen Ihnen, die Fotos auf Papier auszudrucken und vorbeizubringen. (Ihr findet einen Teil davon im Album)


Katutura wurde vor rund 60 Jahren getauft und bedeutet „Wir können uns nicht niederlassen“ oder „Ort, an dem wir nicht bleiben möchten“. Ohne Zweifel besteht die Herausforderung in der Bewältigung des rasanten Wachstums, der Integration der Massen von Landflüchtlingen, die täglich aus dem Norden zuziehen und sich eine Bleibe aus Holz und Wellblech in die Landschaft bauen. Von den, nicht zuletzt von der Politik gepriesenen, Fortschritten Katuturas ist hier nichts zu spüren. Vielleicht braucht das Zeit. Denn trotz aller sozialen Probleme und Konflikte hat das Township eine erstaunliche Entwicklung vollzogen. Es ist nicht mehr das Elendsviertel Windhoeks, sondern pulsierender Lebensmittelpunkt vieler Namibianer. Heute haben Teile Katuturas Teerstraßen mit Beleuchtung, Kliniken, Sportplätze, Bücherein, Feuerwehr, Trinkwasserversorgung und Supermärkte.

Steffen


Katutura blickt in eine Zukunft mit Perspektive:
„Bulldozer stellen keine Drohung mehr dar
vielmehr bauen sie auf
statt zu zerstören […]
Ich liebe diesen Ort
mein Herz und meine Seele liegen hier
Also, solltest du jemals hier her kommen
Begib dich hinein
Denn nicht jedes Ghetto
ist so schlecht wie sein Ruf
Katutura… ist zum Ort geworden, wo man bleibt."
(Linus Sechogele, namibischer Poet, 2002)

Mittwoch, 27. Mai 2009

Grenzerfahrungen

Bevor ich nach Namibia gefahren bin, habe ich mich natürlich im Internet über die Studienbedingungen und das Land informiert. Ein Erfahrungsbericht trug den Titel „Ein halbes Jahr Namibia – Travel as much as you can“. Ich fragte mich, ob Windhoek denn schnell langweilig werden würde. Oder ob der Rest des Landes einfach so viel zu bieten hat, dass man an jedem zweiten Wochenende mit einem Geländewagen irgendwo zwischen südafrikanischer, angolanischer und botsuanischer Grenze unterwegs sein muss. Mittlerweile weiß ich: Es ist beides. Und da auch in Namibia der 1. Mai gefeiert wird, fuhren wir - das sind Johannes, Fred, ich und fünf Franzosen – für vier Tage an das südliche Ende Namibias – zum Paddeln auf dem Orange River.


Der Orange River - oder Oranje, falls man das Afrikaans dem Englischen vorzieht – bildet die natürliche Grenze Namibias zu Südafrika. Bevor das Süßwasser jedoch bei Oranjemund in den Atlantik mündet, hat es 2200 Kilometer vom Hochland von Lesotho in Richtung Westen hinter sich.



Wir geben uns für unsere 2-tägige Paddeltour mit einem 25-Kilometer-Abschnitt zufrieden. Doch bevor wir die Paddel in die See stechen können, müssen wir erst einmal 800 Kilometer Richtung Süden mit dem Auto zurücklegen. Zwei Tankfüllungen müssen reichen, denken wir, als die Tanknadel nach 200 Kilometern noch immer auf voll steht, und passieren Mariental. Im Notfall sind – zumindest laut Karte – ja noch Tankstellen in zwei kleineren Städten. Doch Tankstelle ist in Namibia nicht gleich Tankstelle.



Und so kommt es, wie es kommen muss: Unsere einzige Möglichkeit besteht schließlich darin, in einem 200-Seelen-Ort einige Liter Benzin aufzutreiben – ein aussichtloses Unterfangen, angesichts des Fehlens von Autos und Straßen in dieser ländlichen Gegend Namibias. Wäre nicht ein netter Mann aus Windhoek zu Besuch bei seiner Verwandtschaft und in der Lage über Benzinpumpe und eine leere Cola-Flasche 20 Liter in unser Auto zu füllen.



Es folgen zwei Tage Paddeln in einer atemberaubenden Landschaft. Südafrika auf der linken, Namibia auf der rechten Seite, wir dazwischen. „Rivers are nobody’s land“, klärt uns unser Guide Marc auf, der uns während der Tour mit Essen versorgt und uns die besten Plätze für Klippensprünge zeigt. Zwischen Manövern durch kleinere Wasserfälle bleibt immer wieder Zeit für Fotos von Fischadlern oder ein Windhoek Lager aus der Kühlbox.


Bevor wir nach Windhoek zurückfahren, halten wir noch eine Nacht am Fish River Canyon, einem der größten Canyons der Welt.

Leider haben wir dieses Mal nur Zeit für ein paar Aussichtspunkte und schnelle Schnappschüsse. Wir müssen die 5-Tages-Wanderung durch den Canyon auf unbestimmte Zeit verschieben. Trotzdem war auch dieses Wochenende wieder einmalig. Und schließlich soll man sich ja immer etwas aufbewahren – für die zweite Reise nach Namibia…

Steffen

Montag, 18. Mai 2009

Kapstadt - Ein Stück Westen im südlichen Afrika

Ich wusste, dass sich mein Eintrag "Studium muss Hobby bleiben" noch rächen sollte. Trotzdem gibt es, wenn auch verspätet, wie versprochen noch die Nachlese zu unseren Osterferien in Kapstadt.

Zusammen mit Jenny und Moritz, zwei Studenten aus Aachen, Vicky, die in einer Gehörlosenschule arbeitet, und einem mintgrünen 1981er Ford Cortina geht es Richtung Süden, ans Ende der afrikanischen Welt. Später treffen wir noch Johannes, den GTZ-Praktikanten, L’Oreal und Katie, zwei Amerikanerinnen, die ihr Praktikum an einem Kindergarten in Katatura ebenfalls für eine Woche unterbrechen. Wir verlassen zum ersten Mal Namibia. Und an der Landesgrenze sieht es so aus, als könnte es für immer sein. Denn für die Wiedereinreise benötigen wir ein gültiges Studentenvisum, lässt uns die Grenzbeamtin wissen - leider erst nach dem Entwerten unseres bisherigen Touristenvisums.


Kapstadt ist eine Stadt der Gegensätze. Dort, wo vor rund 500 Jahren der portugiesische Seefahrer Bartolomeu Dias den südwestlichsten Punkt Afrikas "Kap der Stürme" - später wegen der Öffnung der Seewege nach Indien und den Osten in "Kap der guten Hoffnung" umbenannt" - taufte, treffen Welten aufeinander. Reich und Arm, Europa und Afrika, der Indische und der Atlantische Ozean.


Wir werden in den nächsten Tagen beides sehen – meistens, aber nicht immer, freiwillig. Mit der schillernden Seite Kapstadts, dem Leben eines Großteils der Weißen und eines Bruchteils der Schwarzen, werden wir bereits bei unserer Ankunft nach 20 Stunden Autofahrt konfrontiert. Unsere Unterkunft, ein einfaches Backpacker-Hostel, liegt direkt auf der Partymeile Kapstadts, der „Long Street“. Hier reiht sich Bar an Bar, Club an Club – das kulturell und partymäßig bescheidene Windhoek ist nicht nur physisch knappe 2000 km entfernt. „One Rand, one Rand?“. „Weed, weed?“ - Vor den Eingängen der Discos tummeln sich Bettler und Drogendealer. Weiß man, dass es in Kapstadt Obdachloseneinrichtungen und soziale Dienste gibt, dass jeder Dollar, jeder Rand, der auf der Straße erbettelt wird, die kleinen Kinder nicht von eben dieser wegholt, kann man besser an ihren großen, schwarzen Augen vorbeigehen.


Südafrika ist wie Namibia geprägt durch das Apartheitsregime in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der Legalisierung der Rassentrennung in Bildung, medizinischer Versorgung und anderen öffentlichen Dienstleistungen. Auf unserer Tour durch die Innenstadt fahren wir später am „District Six“ vorbei. Sechzigtausend Schwarze mussten hier in den 70er Jahren ihre Häuser verlassen und wurden zwangsumgesiedelt. Auch wenn Nelson Mandela, nach 27-jähriger Haft auf Robben Island als erster demokratisch gewählter Präsident Südafrikas 1994 diesem Schrecken ein Ende setzte, vollziehen sich die ethnischen Grenzen nach wie vor - mehr oder weniger deutlich - durch die gesamte Stadt. Wellblechhütten in der Nähe des internationalen Flughafens, das an Beverly Hills erinnernde Camps Bay, wo die Hunde der weißen Oberschicht jeden schwarzen Passanten anknurren, ein 280-Millionen-Euro-Stadion zur Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Sichtweite zu einem der Townships Kapstadts. Ich erinnere mich an die Worte eines Deutschen, der schon mehrere Jahre in Namibia wohnt. Die Antwort auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, dauerhaft in Windhoek niederzulassen, beinhaltet viel Wahres und ein bisschen Verzweiflung. Er habe Angst vor der eigenen Abstumpfung, vor einer selbstverständlichen Trennung der Hautfarbe und erzählt mir von einem 60-jährigen weißen Bauarbeiter, der zehn junge schwarze Arbeiter antreibt. Ich frage mich, was anders wäre, würde er nach Deutschland zurückkehren und Namibia hinter sich lassen. Und kann es nicht beantworten.


In den sechs Tagen erfahren wir, warum Kapstadt trotz alledem eine der schönsten Städte der Welt ist. Die großen Bergketten mit dem wohl bekanntesten Gipfel, dem Tafelberg, auf der einen Seite, der Ozean auf der anderen, mittendrin eine grüne Stadt. Was ich nicht in Worte fassen kann, schafft vielleicht eine Auswahl der 1500 Fotos (siehe Album). Wir halten uns an unseren Reiseführer und können später die meisten der „25 things you have to see in Cape Town“ abhaken: Sightseeing durch die Innenstadt mit wunderschönen kleinen Märkten, die Waterfront, Tafelberg-Besteigung, Weintour durch das Hinterland mit den berühmten Weinhochburgen Stellenboch und Franschhoek, eine Fahrt durch den Western Cape National Park zum Cape Point und zum Kap der guten Hoffnung.

Auf letzterem Ausflug lernen wir schließlich auch noch die südafrikanische Gastfreundlichkeit kennen, die – so zumindest mein Eindruck – mit der doch sehr zurückhaltenden Art der Namibianer nicht zu vergleichen ist! 2500 Kilometer hat unser Auto durchgehalten. Als sich jedoch kurz vor dem nächsten Anstieg auf der Halbinsel das Auto und sein Auspuff trennen, ist guter Rat teuer. Während wir noch überlegen, ob so ein Auspuffrohr wirklich nötig ist, liegen bereits sechs schwarze Südafrikaner unaufgefordert (!) unter der Karosse. Die Notreparatur aus einer Cola-Dose und etwas Draht, die uns bis nach Windhoek zurückbringt, kostet uns schließlich 70 Rand (etwa 6 Euro), 5 Zigaretten und eine Tüte Äpfel. Hätten wir nicht zufällig neben dem Schrottplatz gehalten, wo die sechs gewohnt haben, hätten wir das Kap vielleicht nie gesehen.




Wir sind uns am Ende der Reise einig. Wir wollen wiederkommen. Dass wir das auch können, haben wir nicht zuletzt einem kulanten Grenzbeamten bei der Wiedereinreise nach Namibia zu verdanken. Und Fred hat schließlich doch Recht behalten: „Bis jetzt hat hier doch alles geklappt…“.

Steffen