Montag, 20. April 2009

Wüste, Wasser und Flamingos

Es ist eine Weile her seit dem letzten Eintrag, dabei gibt es jede Menge zu erzählen. Letzte Woche waren wir in Kapstadt in Südafrika - dazu irgendwann mehr. Am Wochenende davor ging es mit Johannes, einem Praktikanten bei der GTZ, an die Westküste Namibias, nach Walvis Bay, einem Industrie- und Fischereiort am Rande der Namib.

Unser Trip beginnt mit einer zweistündigen Verspätung. Eine Stunde davon geht auf uns, die andere hat das Computersystem von Europcar verschuldet. Nach zahlreichen erhobenen Fäusten und einem erfolglosen, wenn auch kräftigen Hieb auf den Bildschirm geht der Mitarbeiter schließlich auf unseren Vorschlag ein, den Vertrag doch einfach - wie früher - auf Papier aufzusetzen.
Unser Fehlstart stört uns nicht, denn wir haben heute nur knappe 400 Kilometer vor uns und Johannes steuert unser Auto schließlich mehr oder weniger sicher durch den Windhoeker Linksverkehr und über Landstraßen, auf denen in Deutschland maximal 70 gefahren werden dürfte, in Namibia allerdings 120.
Die Fahrt führt uns innerhalb von einigen Stunden die Vielfältigkeit der namibischen Natur vor Augen. Während um Windhoek noch die üppigen grünen Buschsavannen das landschaftliche Bild prägen, wird es mit jedem Kilometer gen Westen trockener. Kurz vor Swakopmund befinden wir uns dann endgültig in einer Mischform aus Sand-, Stein- und Geröllwüste. An Pausen ist höchstens im Schatten zu denken. Die Sonne brennt auf unser Auto und selbst das bei 130 km/h geöffnete Fenster verschafft keine Kühlung. Zum Glück haben sich die Namibianer auch gegen die Hitze etwas einfallen lassen. Alle 10 bis 20 Kilometer kündigt ein braunes Schild, welches einen Baum zeigt, den nächsten Rastplatz an. Und an diesem Rastplatz steht dann wirklich - mitten in der Wüste - ein einzelner, Schatten spendender Baum.
Nach einem kurzen Zwischenstopp in Swakopmund - den Küstenort wollen wir im Mai noch länger bereisen - erreichen wir schließlich Walvis Bay, dessen Name ein Kompromiss aus dem englischen "Walfish Bay" und "Waalvis Baai" aus dem Afrikaans ist. Wir werden von Captain Mansur begrüßt. Wir nennen ihn "Sir", aber er ist in der Tat ein Kapitän des namibischen Diamantunternehmens DeBeer. Johannes hatte über Couchsurfing.com Kontakt zu ihm aufgenommen - eine Internetseite, die kostenlose Schlafplätze in der ganzen Welt vermittelt. Wir hatten uns schon auf ein Sofa für alle von uns eingestellt. Dass Captain Mansur uns dann aber zu einer separaten Wohnung mit zwei großen Betten und einem eigenem Bad führt, übertrifft unsere Erwartungen und ist auch für Couchsurfer nicht üblich. Egal - wir beschweren uns nicht, sondern bedanken uns mit einer Flasche Rotwein.

Am Abend fahren wir zur Düne 7 und wollen bei dem einen oder anderen Windhoek Lager den Sonnenuntergang in der Wüste genießen. Rucksäcke auf den Schultern, Fotoapparat in der Hand, Kofferraumklappe zu - und schon ist der Autoschlüssel im Auto eingeschlossen. Wir sehen den Sundowner dahingehen, wären da nicht acht einheimische Namibianer, die den unter ihnen entfachten Wettkampf, wer denn als erstes das Auto der deutschen Touristen aufkriegt, schließlich erfolgreich abschließen. Wir merken uns die Technik für unsere nächste Fahrt mit einem KIA.
Den Rest des Wochenendes beschreiben die Fotos (siehe links) am besten. Nach dem schönsten Sonnenuntergang, aber auch dem wärmsten Bier unseres Lebens, fahren wir am Sonntag mit dem Auto in die sogenannte Lagune von Walvis Bay, einem Paradies für Flamingos, Seelöwen und bei Glück auch Delfinen. Die Fahrt vorbei an den größten Salzseen Namibias hat etwas Unwirkliches. Sehen wir auf den einen Seite den Atlantischen Ozean, türmen sich auf den anderen Seite die riesigen Dünen der Namib-Wüste auf. Wieder zeigt sich uns die Vielfalt Namibias und wir müssen schlißelich schmunzeln, als wir uns daran erinnern, dass wir vor kurzem noch Giraffen gestreichelt und Leoparden gefüttert haben.

Steffen

Montag, 6. April 2009

Baby Haven in Katatura

Es ist Sonntagnachmittag in Windhoek und ich liege am Swimming-Pool im "Paradisegarden Hostel", unserer Unterkunft für die nächsten 6 Monate: ein schönes Backpacker hinter hohen Mauern. Man könnte vergessen, dass man in Namibia ist, wären da nicht die schwarze Putzfrau Elsi und der bewaffnete schwarze Guard auf der Terrasse, der für einen Stundenlohn von 2 Dollar - umgerechnet knappe 20 Eurocent - in 12-Stunden-Schichten unser Haus bewacht. Ich habe ihn noch nicht gefragt, aber bei 24 Dollar am Tag ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich groß, dass auch er, wie so viele hier, in Katatura lebt - dem Township Windhoeks. Katatura ist in den 50er Jahren durch die südafrikanische Apartheidspolitik per Zwangsumsiedlung entstanden und bedeutet sinngemäß "Ort, an dem wir nicht bleiben möchten", aber wieviele der Menschen dort haben schon die Wahl?

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Einfahrt des "Baby Haven"

Man hört viel über Katatura. Es sei trotz aller Armut ein fazinierender Stadtteil. Es muss wohl einen Grund haben, warum sich einige Stadtguides hier auf Führungen durch Katatura spezialisiert haben. Auch uns wurde gesagt, dass, wenn wir die Chance haben dorthin zu gehen, wir diese auf jeden Fall ergreifen sollten - natürlich nur in Begleitung eines Schwarzen. Alles andere sei zu unsicher.
Heute habe ich die Chance: Anne und Steffi, zwei Studenten der Sozialpädagogik aus Deutschland, die auch in meinem Hostel wohnen, machen ein dreimonatiges Praktikum in einem Kinderhort, dem "Baby Haven". Heute ist ihr vorerst letzter Tag dort und als sie fragen, ob ich einmal mit wolle, bin ich dabei.

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Im "Baby Haven" wachsen Kinder zwischen 0 und 10 Jahren auf. Viele sind wochentags in der Schule, aber heute ist Sonntag und so graben sich schnell 30 Kinderhände in die Joghurteimer, die Anne und Steffi mitgebracht haben. Zwar ist der Hort essensmäßig einigermaßen gut versorgt. Dass die Eimer jedoch nach 2 Minuten leer sind, zeigt, dass es nie genug sein kann. Wer fertig ist, beschäftigt sich mit den weißen Fremden und so habe ich schnell ein Kind am linken und eins am rechten Bein. Während ich noch damit beschäftigt bin, mein Hosentaschen vor flinken, kleinen Fingern zu schützen, erfahren Anne und Steffi, dass in der vergangenen Woche ein Baby gestorben ist. Woran genau, weiß man nicht. Dass sie nicht mehr essen wollte, das weiß man. Es wird in der nächsten Woche beerdigt. So ist es zumindest geplant. Steffi erzählt mir abends, dass die letzte Beerdigung erst nach 4 Wochen statt fand. Es gibt nicht genügend Gräber in Katatura.

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Anne und Ben

Neben den beiden Deutschen arbeiten noch zwei-drei Afrikanerinnen im "Baby Haven". Als dem kleinen Ben jedoch von Anne die Windeln gewechselt werden und die wunden Stellen und Entzündungen zum Vorschein kommen, wird klar, dass er in den letzten Tagen wohl nicht gewickelt wurde. Es ist eine Mischung aus Wut und Verwunderung, wissend, dass die anderen Angestellten sich im Wohnzimmer gerade die Haare flechten, anstatt sich um die Kinder zu kümmern. Anne benutzt keine Handschuhe um Ben mit selbst mitgebrachter Creme einzureiben, heute nicht. Offiziell haben drei der fünfzehn Kinder HIV/AIDS, vermutlich mehr...

Der Windelbaum
Der Windelbaum

Hinter dem Haus befindet sich ein kleiner Spielhof. Ein Mädchen sieht, wie ich gerade den Windelbaum - ein Baum hinter der Grundstücksmauer, auf den die dreckigen Windeln geworfen werden - fotografiere und möchte auch ein Bild mit meiner Kamera machen. Statt diese wie befürchtet fallen zu lassen, macht sie dieses Bild mit Anne, Steffi und mir.

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Als wir abends in der Wine Bar die Sonne über Windhoek untergehen sehen und Steffi noch einmal vom "Baby Haven" erzählt, wird mir klar, warum sie vor ein paar Tagen gesagt hat, dass "es ja doch alles nichts bringt": Drei Monate haben die beiden deutschen Praktikanten in dem Hort gearbeitet, doch nach einer Woche sehe dort alles wieder aus wie vorher. Es bleibe die Hoffnung, dass der "Baby Haven" irgendwann nicht mehr von Deutschen unterstützt werden muss, dass Anne und Steffi vielleicht doch etwas dort gelassen haben, dass eben doch nicht alles umsonst war.

Was trotz aller Frustrationen bleibt, ist, dass 15 Kindern drei Monate lang geholfen wurde...
Und von Anne und Steffi weiß ich, dass sie Namibia jetzt schon vermissen...

Steffen