Mittwoch, 27. Mai 2009

Grenzerfahrungen

Bevor ich nach Namibia gefahren bin, habe ich mich natürlich im Internet über die Studienbedingungen und das Land informiert. Ein Erfahrungsbericht trug den Titel „Ein halbes Jahr Namibia – Travel as much as you can“. Ich fragte mich, ob Windhoek denn schnell langweilig werden würde. Oder ob der Rest des Landes einfach so viel zu bieten hat, dass man an jedem zweiten Wochenende mit einem Geländewagen irgendwo zwischen südafrikanischer, angolanischer und botsuanischer Grenze unterwegs sein muss. Mittlerweile weiß ich: Es ist beides. Und da auch in Namibia der 1. Mai gefeiert wird, fuhren wir - das sind Johannes, Fred, ich und fünf Franzosen – für vier Tage an das südliche Ende Namibias – zum Paddeln auf dem Orange River.


Der Orange River - oder Oranje, falls man das Afrikaans dem Englischen vorzieht – bildet die natürliche Grenze Namibias zu Südafrika. Bevor das Süßwasser jedoch bei Oranjemund in den Atlantik mündet, hat es 2200 Kilometer vom Hochland von Lesotho in Richtung Westen hinter sich.



Wir geben uns für unsere 2-tägige Paddeltour mit einem 25-Kilometer-Abschnitt zufrieden. Doch bevor wir die Paddel in die See stechen können, müssen wir erst einmal 800 Kilometer Richtung Süden mit dem Auto zurücklegen. Zwei Tankfüllungen müssen reichen, denken wir, als die Tanknadel nach 200 Kilometern noch immer auf voll steht, und passieren Mariental. Im Notfall sind – zumindest laut Karte – ja noch Tankstellen in zwei kleineren Städten. Doch Tankstelle ist in Namibia nicht gleich Tankstelle.



Und so kommt es, wie es kommen muss: Unsere einzige Möglichkeit besteht schließlich darin, in einem 200-Seelen-Ort einige Liter Benzin aufzutreiben – ein aussichtloses Unterfangen, angesichts des Fehlens von Autos und Straßen in dieser ländlichen Gegend Namibias. Wäre nicht ein netter Mann aus Windhoek zu Besuch bei seiner Verwandtschaft und in der Lage über Benzinpumpe und eine leere Cola-Flasche 20 Liter in unser Auto zu füllen.



Es folgen zwei Tage Paddeln in einer atemberaubenden Landschaft. Südafrika auf der linken, Namibia auf der rechten Seite, wir dazwischen. „Rivers are nobody’s land“, klärt uns unser Guide Marc auf, der uns während der Tour mit Essen versorgt und uns die besten Plätze für Klippensprünge zeigt. Zwischen Manövern durch kleinere Wasserfälle bleibt immer wieder Zeit für Fotos von Fischadlern oder ein Windhoek Lager aus der Kühlbox.


Bevor wir nach Windhoek zurückfahren, halten wir noch eine Nacht am Fish River Canyon, einem der größten Canyons der Welt.

Leider haben wir dieses Mal nur Zeit für ein paar Aussichtspunkte und schnelle Schnappschüsse. Wir müssen die 5-Tages-Wanderung durch den Canyon auf unbestimmte Zeit verschieben. Trotzdem war auch dieses Wochenende wieder einmalig. Und schließlich soll man sich ja immer etwas aufbewahren – für die zweite Reise nach Namibia…

Steffen

Montag, 18. Mai 2009

Kapstadt - Ein Stück Westen im südlichen Afrika

Ich wusste, dass sich mein Eintrag "Studium muss Hobby bleiben" noch rächen sollte. Trotzdem gibt es, wenn auch verspätet, wie versprochen noch die Nachlese zu unseren Osterferien in Kapstadt.

Zusammen mit Jenny und Moritz, zwei Studenten aus Aachen, Vicky, die in einer Gehörlosenschule arbeitet, und einem mintgrünen 1981er Ford Cortina geht es Richtung Süden, ans Ende der afrikanischen Welt. Später treffen wir noch Johannes, den GTZ-Praktikanten, L’Oreal und Katie, zwei Amerikanerinnen, die ihr Praktikum an einem Kindergarten in Katatura ebenfalls für eine Woche unterbrechen. Wir verlassen zum ersten Mal Namibia. Und an der Landesgrenze sieht es so aus, als könnte es für immer sein. Denn für die Wiedereinreise benötigen wir ein gültiges Studentenvisum, lässt uns die Grenzbeamtin wissen - leider erst nach dem Entwerten unseres bisherigen Touristenvisums.


Kapstadt ist eine Stadt der Gegensätze. Dort, wo vor rund 500 Jahren der portugiesische Seefahrer Bartolomeu Dias den südwestlichsten Punkt Afrikas "Kap der Stürme" - später wegen der Öffnung der Seewege nach Indien und den Osten in "Kap der guten Hoffnung" umbenannt" - taufte, treffen Welten aufeinander. Reich und Arm, Europa und Afrika, der Indische und der Atlantische Ozean.


Wir werden in den nächsten Tagen beides sehen – meistens, aber nicht immer, freiwillig. Mit der schillernden Seite Kapstadts, dem Leben eines Großteils der Weißen und eines Bruchteils der Schwarzen, werden wir bereits bei unserer Ankunft nach 20 Stunden Autofahrt konfrontiert. Unsere Unterkunft, ein einfaches Backpacker-Hostel, liegt direkt auf der Partymeile Kapstadts, der „Long Street“. Hier reiht sich Bar an Bar, Club an Club – das kulturell und partymäßig bescheidene Windhoek ist nicht nur physisch knappe 2000 km entfernt. „One Rand, one Rand?“. „Weed, weed?“ - Vor den Eingängen der Discos tummeln sich Bettler und Drogendealer. Weiß man, dass es in Kapstadt Obdachloseneinrichtungen und soziale Dienste gibt, dass jeder Dollar, jeder Rand, der auf der Straße erbettelt wird, die kleinen Kinder nicht von eben dieser wegholt, kann man besser an ihren großen, schwarzen Augen vorbeigehen.


Südafrika ist wie Namibia geprägt durch das Apartheitsregime in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der Legalisierung der Rassentrennung in Bildung, medizinischer Versorgung und anderen öffentlichen Dienstleistungen. Auf unserer Tour durch die Innenstadt fahren wir später am „District Six“ vorbei. Sechzigtausend Schwarze mussten hier in den 70er Jahren ihre Häuser verlassen und wurden zwangsumgesiedelt. Auch wenn Nelson Mandela, nach 27-jähriger Haft auf Robben Island als erster demokratisch gewählter Präsident Südafrikas 1994 diesem Schrecken ein Ende setzte, vollziehen sich die ethnischen Grenzen nach wie vor - mehr oder weniger deutlich - durch die gesamte Stadt. Wellblechhütten in der Nähe des internationalen Flughafens, das an Beverly Hills erinnernde Camps Bay, wo die Hunde der weißen Oberschicht jeden schwarzen Passanten anknurren, ein 280-Millionen-Euro-Stadion zur Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Sichtweite zu einem der Townships Kapstadts. Ich erinnere mich an die Worte eines Deutschen, der schon mehrere Jahre in Namibia wohnt. Die Antwort auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, dauerhaft in Windhoek niederzulassen, beinhaltet viel Wahres und ein bisschen Verzweiflung. Er habe Angst vor der eigenen Abstumpfung, vor einer selbstverständlichen Trennung der Hautfarbe und erzählt mir von einem 60-jährigen weißen Bauarbeiter, der zehn junge schwarze Arbeiter antreibt. Ich frage mich, was anders wäre, würde er nach Deutschland zurückkehren und Namibia hinter sich lassen. Und kann es nicht beantworten.


In den sechs Tagen erfahren wir, warum Kapstadt trotz alledem eine der schönsten Städte der Welt ist. Die großen Bergketten mit dem wohl bekanntesten Gipfel, dem Tafelberg, auf der einen Seite, der Ozean auf der anderen, mittendrin eine grüne Stadt. Was ich nicht in Worte fassen kann, schafft vielleicht eine Auswahl der 1500 Fotos (siehe Album). Wir halten uns an unseren Reiseführer und können später die meisten der „25 things you have to see in Cape Town“ abhaken: Sightseeing durch die Innenstadt mit wunderschönen kleinen Märkten, die Waterfront, Tafelberg-Besteigung, Weintour durch das Hinterland mit den berühmten Weinhochburgen Stellenboch und Franschhoek, eine Fahrt durch den Western Cape National Park zum Cape Point und zum Kap der guten Hoffnung.

Auf letzterem Ausflug lernen wir schließlich auch noch die südafrikanische Gastfreundlichkeit kennen, die – so zumindest mein Eindruck – mit der doch sehr zurückhaltenden Art der Namibianer nicht zu vergleichen ist! 2500 Kilometer hat unser Auto durchgehalten. Als sich jedoch kurz vor dem nächsten Anstieg auf der Halbinsel das Auto und sein Auspuff trennen, ist guter Rat teuer. Während wir noch überlegen, ob so ein Auspuffrohr wirklich nötig ist, liegen bereits sechs schwarze Südafrikaner unaufgefordert (!) unter der Karosse. Die Notreparatur aus einer Cola-Dose und etwas Draht, die uns bis nach Windhoek zurückbringt, kostet uns schließlich 70 Rand (etwa 6 Euro), 5 Zigaretten und eine Tüte Äpfel. Hätten wir nicht zufällig neben dem Schrottplatz gehalten, wo die sechs gewohnt haben, hätten wir das Kap vielleicht nie gesehen.




Wir sind uns am Ende der Reise einig. Wir wollen wiederkommen. Dass wir das auch können, haben wir nicht zuletzt einem kulanten Grenzbeamten bei der Wiedereinreise nach Namibia zu verdanken. Und Fred hat schließlich doch Recht behalten: „Bis jetzt hat hier doch alles geklappt…“.

Steffen