Montag, 1. Juni 2009

Ort, an dem wir bleiben

“Die Straße ist das Leben – das Leben ist die Straße in Katutura“, sagt man. Auf den Straßen des Townships leben 10% der gesamten Bevölkerung Namibias. Ursprünglich war Katutura ein geplanter Stadtteil in der Hauptstadt, aus der Not geboren, durch die Apartheidsgesetze der südafrikanischen Besatzung legitimiert. Als in den 1950er Jahren der Wohnraum für die weißen Einwohner Windhoeks zusehend knapp wurde und an seinen Grenzen mit den Vierteln der schwarzen Damara, Owambo, Nama und Herero zusammenstieß, entschied die Stadtverwaltung die Zwangsumsiedlung der Ureinwohner in den Nordwesten der Stadt – nach Katutura.
Auch wenn 1981 die Apartheidsgesetze weitestgehend abgeschafft wurden und den schwarzen Bevölkerungsschichten der Erwerb von Wohnraum in anderen Stadtgebieten gestattet wurde, ist Katutura nach wie vor ein schwarzer Stadtteil. Das ist für die Menschen dort so selbstverständlich wie für die Farbigen in Khomasdal oder die Mehrheit der Deutschen in Klein Windhoek. Das Stadtbild der namibianischen Hauptstadt ist auch heute noch geprägt durch ethnische Trennung.


Die Mehrzahl der Namibianer, die nach Windhoek ziehen, ist schwarz und kommt aus dem Norden des Landes. In der Regel ist es die verzweifelte Suche nach Arbeit, die sie ihre Familien hunderte von Kilometern zurückbleiben lässt. Und so wächst Katutura täglich um 400 Einwohner – ein Tempo, welches selbst ein entwickeltes Land schlichtweg überfordern würde. Die Folge ist eine mangelhafte Infrastruktur, die der rasanten Ausdehnung nicht schritthalten kann.
Es ist Sonntagmittag. In der heißen Luft Katuturas riecht es nach Erde. Nach verbranntem Holz, geht man an den öffentlichen Grillplätzen vorbei. Nach Kot und Urin, verlässt man die geteerten Straßen und wagt sich in die Außenbezirke.
Wir gehen vorbei an Straßenmärkten, Friseursalons und Shebeens. Das sind kleine Kneipen, meist aus Wellblech, ausgestattet mit einer Musikbox und einem Billardtisch. Es ist bereits mein dritter Ausflug an einem Sonntag, eine Flucht aus der leblosen Stadt, hinein in die Lebensfreude Katuturas.


Aus Angst haben wir bis jetzt nie eine Kamera mitgenommen, lediglich das nötigste Kleingeld für die Taxifahrt. Heute schon. Das Treiben auf den Straßen, die Herzlichkeit der Menschen, nur an wenigen Orten Windhoeks habe ich mich bisher sicherer gefühlt. Und tatsächlich erlaubt das Ausmaß der Kriminalität keinen Vergleich zu Townships in Johannesburg oder den zentralafrikanischen Staaten. Zu meiner Überraschung erfahre ich später, dass die Kriminalitätsrate etwa so hoch ist wie in Wiesbaden. In Katutura wird die Wäsche genauso oft von der Leine gestohlen, die Tasche des unvorsichtigen Touristen unbemerkt um ein paar Euro erleichtert, wie in Deutschland Steuererklärungen gefälscht werden. Nur Zeit kann wohl die Vorurteile vergessen machen, die vor 50 Jahren vielleicht zutreffend gewesen sein mögen.

Als Weißer in Katutura ist man etwas Besonderes. Es gibt nicht viele, die nicht kurz ihren Kopf aus ihren Hütten stecken oder die Hand lässig aus dem Autofenster strecken, um uns zu grüßen. Viele wollen einfach wissen, wie es uns geht. Die meisten wundern sich über unsere bloße Anwesenheit, können nicht verstehen, dass wir das von Armut geprägte Leben der Menschen mit eigenen Augen sehen wollen, dass ihre Lebensfreue uns fasziniert. Mein Gefühl, ungebetener Gast in einem Armuts-Zoo zu sein, wird spätestens dann weggewischt, als Johannes anfängt, zu fotografieren. Denn die Menschen in Katutura wollen fotografiert werden, freuen sich über den kleinen Moment Aufmerksamkeit, lachen und staunen, als sie sich Sekunden später im Display der Kamera wiederkennen. Wir versprechen Ihnen, die Fotos auf Papier auszudrucken und vorbeizubringen. (Ihr findet einen Teil davon im Album)


Katutura wurde vor rund 60 Jahren getauft und bedeutet „Wir können uns nicht niederlassen“ oder „Ort, an dem wir nicht bleiben möchten“. Ohne Zweifel besteht die Herausforderung in der Bewältigung des rasanten Wachstums, der Integration der Massen von Landflüchtlingen, die täglich aus dem Norden zuziehen und sich eine Bleibe aus Holz und Wellblech in die Landschaft bauen. Von den, nicht zuletzt von der Politik gepriesenen, Fortschritten Katuturas ist hier nichts zu spüren. Vielleicht braucht das Zeit. Denn trotz aller sozialen Probleme und Konflikte hat das Township eine erstaunliche Entwicklung vollzogen. Es ist nicht mehr das Elendsviertel Windhoeks, sondern pulsierender Lebensmittelpunkt vieler Namibianer. Heute haben Teile Katuturas Teerstraßen mit Beleuchtung, Kliniken, Sportplätze, Bücherein, Feuerwehr, Trinkwasserversorgung und Supermärkte.

Steffen


Katutura blickt in eine Zukunft mit Perspektive:
„Bulldozer stellen keine Drohung mehr dar
vielmehr bauen sie auf
statt zu zerstören […]
Ich liebe diesen Ort
mein Herz und meine Seele liegen hier
Also, solltest du jemals hier her kommen
Begib dich hinein
Denn nicht jedes Ghetto
ist so schlecht wie sein Ruf
Katutura… ist zum Ort geworden, wo man bleibt."
(Linus Sechogele, namibischer Poet, 2002)

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