Montag, 13. Juli 2009

Der siebte Tag

„Das sind Johannes und Steffen, zwei Studenten aus Deutschland. Lasst uns sie in unserer Mitte willkommen heissen!“ Die Gemeinde dreht sich zu uns um. Lächelt uns an. Und klatscht für uns in die Hände.

Es ist 9 Uhr an einem heißen Sonntag im April. Ich stehe mit Johannes im Okuryangara, einem der ärmsten Viertel in Katutura. In einem ausgetrockneten Flussbett spielen Kinder Fußball. Hier gibt es keinen Strom, kein fließendes Wasser, keine Toiletten. Aber es gibt eine Kirche, die „Babilon Gospel Church“, so kann man dem kleinen Pappschild davor entnehmen. Es ist kein großes Bauwerk, ohne Glockenturm und ohne Kanzel, sondern ein Wellblechbau von etwa 6x20 Metern. Durch ein paar wenige kleine Fenster fällt etwas Licht in die stickige Luft im Innern.

Die Gemeindemitglieder gehen an uns vorbei, gucken uns mit großen, fragenden Augen an, und tragen ihre Plastikstühle in die nur mit wenigen Holzbalken ausgestattete Kirche. Ein Gemeindevertreter bittet uns schließlich herein und deutet auf zwei Plätze in der vordersten Reihe der Kirche. Dankend schütteln wir seine Hand, lassen uns aber lieber erstmal hinten im rechten Teil der Kirche nieder. Als diese sich langsam füllt, merken wir, dass um uns herum nur Männer sitzen. Im linken Bereich der Kirche sammeln sich die Frauen mit den Kindern, viele noch so klein, dass sie für die nächsten Stunden an der Brust der Mutter nuckeln werden.

Der Gottesdienst beginnt mit einem Lied auf Oshiwambo, der Sprache des gleichnamigen Volksstammes, dem der Großteil der Namibianer angehört. Auch wenn wir die Sprache nicht verstehen, klingt er Gesang fröhlich und aufrichtig. Viele Gemeinemitglieder stehen spontan auf, fangen an zu tanzen, klatschen mit den Händen im Takt. Johannes und ich gucken uns kurz an, stimmen dann, etwas zurückhaltender, mit ein. Und ernten dafür immerhin ein anerkennendes Lächeln. Anschließend gibt der Pastor ein Zeichen. Die Fenster und Türen werden verschlossen, es wird dunkel in der Kirche und es folgen die vielleicht längsten 3 Minuten meines Lebens. Denn schlagartig wirft sich die Gemeinde auf den Boden, fängt an auf den Holzboden zu klopfen, und dabei laute Rufe auszustoßen. Ich habe später nicht den Mut, nach diesem Ritual zu fragen, aber vermute - während ich neben Johannes als einziger in der Kirche noch auf der Bank sitze -, dass die Menschen auf diese Art ihre Sorgen und Sünden loswerden können, durch die Kirche geschützt von der Außenwelt.

Es folgt ein langer Gottesdienst und wir haben Glück, dass ein Gemeindevorstand Teile ins Englische übersetzt. Die wöchentliche Post wird verteilt, es werden biblische Bilder diskutiert und der Pastor und Gemeindemitglieder halten kleine Ansprachen. Schließlich geht eine Frau nach vorne und fängt an, laut auf Oshiwambo zu reden und zu singen. Peter, der eine Reihe vor uns sitzt und uns das Schauspiel auf Englisch zusammenfasst, erklärt uns, dass sich jedes neue Gemeindemitglied auf diese Weise vorstellt. Die Frau sei nach vielen Jahren im Norden Namibias wieder in die Gemeinde zurückgekehrt. Zwanzig Minuten erzählt sie - durch zustimmendes „Ehhhh“ aus der Gemeinde unterbrochen - von ihren Sorgen in den vergangenen Jahren. Jetzt sei sie froh, wieder zurück zu sein mit ihren Kindern und stimmt zum Abschluss ein weiteres Lied an. Wir fragen uns, ob denn auch wir hier als neue Gemeinemitglieder angesehen werden. Und tatsächlich, nach einer Stunde und vier weiteren Vorstellungen wendet sich der Pastor schließlich an uns. „Gibt es vielleicht irgendwas, was ihr der Gemeinde sagen wollt? Vielleicht wer ihr seid und wo ihr herkommt? Das würde der Gemeinde viel bedeuten.“ Heute nicht. Eine halbstündige Geschichte wie die anderen haben wir onehin nicht zu erzählen und so überlassen wir es dem Pastor, uns kurz vorzustellen. Die Gemeinde begrüßt uns mit Applaus.
Schließlich tritt ein Mann nach vorne, den alle „Vater“ nennen. Viele Gemeindemitglieder kennt er seit seiner Kindheit. Er ist kein Priester, kein Pastor, trotzdem hören ihm die Menschen zu. Anfangs noch sehr gemäßigt, steigert er sich hinein in eine Predigt über Moral und Fleiß, so dass schließlich sogar der Übersetzer Mühe hat, schnell genug auf Englisch zu folgen.

Wir verlassen die Kirche schließlich um kurz nach eins - durstig, aber um einige Erfahrungen reicher. Der Gottesdienst hat nahezu vier Stunden gedauert. Dies zeigt, wie sehr die Kirche im Mittelpunkt des Alltags vieler Afrikaner steht, ganz besonders in dem der Ärmeren. Sie ist keine religiöse Institution, sondern ein Ort der Begegnung, der Hoffnung - in einem Leben, dass durch Leid, Krankheit und Verzicht geprägt ist.

Ein anderer Ort der Begegnung sind Katuturas kleine Kneipen, die Shebeens, in die sich viele Gemeinemitglieder jetzt mit ihren Plastikstühlen zurückziehen. Die Bibel sage, man solle sonntags ein wenig Wein trinken. Was „ein wenig“ bedeutet, sei jedoch Ansichstssache, sagt ein Mann. der auch Johannes heißt. Er hält sein Glas hoch und lacht. Sein Lachen und das der vielen anderen Menschen in der Kirche werden wir an diesem Tag mit nach Hause nehmen.

Steffen

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