Montag, 6. Juli 2009

The world is like a book...

... and traveling is turning the pages.

Es ist eine Menge passiert in den letzten Wochen. Das Kapitel „Polytechnic“ ist für mich abgeschlossen, mein Praktikum bei der GTZ wird von Tag zu Tag interessanter und wir hatten Besuch aus Deutschland für eine 11-tägige Campingtour durch das südliche Afrika. Nicht zuletzt habe ich erstaunt festgestellt, dass schon mehr als Bergfest ist für mich hier. Und es gibt noch so viel zu entdecken in diesem Land, welches sich ueber mehr als 1500 Kilometer in nord-suedlicher Richtung erstreckt. Mittlerweile ist mir jedoch klar, dass Entfernungen in Namibia eigentlich keine Rolle spielen. Hier wird das wahr, was woanders als Platituede verwendet wird: Der Weg ist das Ziel!

Doch alles der Reihe nach... Die bis jetzt beeindruckendste Reise führte mich Ende Mai in den äußersten Nordwesten Namibias. Unser Reiseziel ist der wohl am wenigsten entwickelte, aber gleichzeitig ursprünglichste Landstrich Namibias, das Kaokoveld. Die wenigen Sandpisten, die es dort gibt, wurden vor einigen Jahrzehnten aus militärischen Zwecken errichtet; die Landkarten der Region zeigen GPS-Koordinaten an Stelle von Ortsangaben. Ausgetrocknete Flussbetten, Felsbrocken und Wasserriviere erschweren die Fahrt. Während wir hinter Windhoek noch mit einem guten 100er-Schnitt unterwegs sind, benötigen wir mit unserem Geländewagen für 30 Kilometer zu den Epupa Falls entlang der angolanischen Grenze knapp 5 Stunden. Der Ausblick ist jedoch alle Muehen wert, diese Wasserfaelle des Kunene River gleichen einer erfrischenden Oase.


Weiter im Inland ist das letzte Gruen des Kunene schliesslich oeder Sand- und Savannenlandschaft gewichen. Fred steigt auf die Bremse. Habe ich gerade noch am Strassenrand grasende Zebras fotografiert, ueberquert jetzt 50 Meter vor mir eine Giraffenfamilie die Strasse. Spaeter steuere ich das Auto durch eine 50-koepfige Gruppe Springboks. Die 300 Kilometer huegelige Schotterstrasse vergehen wie im Flug.


Diese Ecke Namibias praesentiert sich uns als lebensfeindlicher, wuestenaehnlicher Landstrich. Und doch bietet sie seit Jahrhunderten den Lebensraum fuer die Himba, ein Nomadenvolk aus Viehzuechtern, Jaegern und Sammlern. Von den Nama ausgeraubt, zum Betteln gezwungen. Von der suedafrikanischen Besatzungsmacht in das Kaokoveld vertrieben, von der namibischen Regierung geduldet, aber vernachlaessigt – ein Leben ohne Personalausweis oder Geburtsurkunde. Die Geschichte gab dem Herero-Stamm ihren Namen. Himba bedeutet „Bettler“, erklaert uns Halow, unser Guide und Uebersetzer, der uns an diesem Tag begleitet.


Es ist fuer mich eine Reise in eine ferne Vergangenheit. So sehr bestimmen Riten und Traditionen den Alltag der Himba. Die Haeuser im Dorf, gefertigt aus Lehm und Dung, sind rund um das heilige Feuer errichtet, welches niemals erloeschen darf. Es schafft eine Verbindung zwischen den Lebenden und den Toten. Die Frisur zeigt an, ob ein Kind bereits die Pubertaet erreicht hat; der Schmuck, ob eine Himba-Frau bereits verheiratet ist. Als ich gefragt werde, wie alt denn meine Frau waere und wieviele Kinder ich habe, muss ich lachen. Die Himba auch. Ob ich denn keine Frauen moegen wuerde. Dass ein 22-jaehriger noch unverheiratet ist, koennen sie sich nicht vorstellen.

Einen Spiegel duerfen die Himba nicht benutzen und so sind die Bilder auf unseren Kamera-Displays eine grosse Attraktion. Auch die Beruehrung mit Wasser ist zu meiner grossen Verblueffung verboten. Das vermeintliche Hygiene-Problem wird durch Kreativitaet geloest. Aromastoffe enthaltende Baumrinden werden verbrannt, der aufsteigende Rauch bekaempft die Keime im Intimbereich der darueberknienden Frau. Spaeter werden wir noch eingeladen, die traditionelle Ziegenmilch zu probieren. Zu einer ueblichen Mahlzeit fehlt noch Maismehl.

Die Himba sind auch heute noch Subsistenzfarmer, betreiben Viehzucht und Ackerbau. Es versteht sich, dass wir ihnen als Gegenleistung fuer unseren Besuch eine Packung Mehl ueberlassen. Und zeigen so umbemerkt, wie die Zukunft der Himba aussehen koennte. Denn immer mehr oeffnet sich das durch Infrastrukturmassnahmen der namibischen Regierung bedrohte Volk dem Tourismus und versucht, neue Einnahmequellen zu erschliessen. Halow versichert uns spaeter, dass wir bei den Himba mehr als willkommen waren. Es ist eine beruhigende Bestaetigung, und erklaert die vielen lachenden Gesichter, die uns Weisse mit grossen Augen anguckten.

An der Entwicklung und dem Aufschwung Namibias in den letzten Jahrhunderten moegen die Himba nicht beteiligt gewesen sein. Ich denke nicht, dass man sie deswegen bedauern muss. Sicher, die Zukunft wird nicht vor den Himba Halt machen, das zeigt mir das Mobiltelefon eines Himba-Jungen, den wir spaeter ein Stueck in unserem Auto mitnehmen. Es bleibt aber zu hoffen, dass es eine Zukunft ist, die auf den Traditionen aufbaut und die Lebensfreude der Himba erhalten kann.Unser Weg zurueck in das moderne Namiba, nach Windhoek, fuehrt uns an die Skeleton Coast, einem Teil der Namib-Wueste direkt am Atlantischen Ozean. Die mondaehnliche Landschaft verdankt ihrem Namen sagenumwobenen Schiffshavarien zur Zeit der Kolonialisierung. Der Himmel zieht sich zu, die Temperaturen sinken innerhalb weniger Kilometer von 30 auf 15 Grad. Die Atmosphaere passt sich der duesternen Stein- und Geroellwueste an. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit haben wir unsere erste Reifenpanne. Wir erreichen unser Camp direkt am Meer schliesslich lange nach Einbruch der Dunkelheit und pluendern unsere letzten Vorraete an Fertignudeln bei eisigem Wind. Und versuchen nachzuvollziehen, wie sich unsere Vorfahren hier vor Jahrhunderten gefuehlt haben.



Diese 5 Tage Namibia haben mir gezeigt, dass Namibia ein Land der Kontraste ist. Kontraste, die faszinieren. Entfernungen existieren hier lediglich auf der Landkarte. Jeder Kilometer wartet darauf entdeckt zu werden, birgt Ueberraschungen und bringt mir das Land und seine Menschen naeher. Naeher als es die Hauptstadt Windhoek je schaffen wuerde.

Steffen
(Bilder wie immer im Album!)

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