Donnerstag, 27. August 2009

Eine Hauptstadt mit vielen Gesichtern

„Kaffeekränzel“, „Nutella“, „Landbrot“, „Die Zeit“. Anstatt wie sonst beim Namibier um die Ecke zu shoppen, dränge ich mich an diesem Samstagmorgen mit meinem Einkaufswagen durch die Gänge des SuperSpar. Dass Deutschland gute 10.000 Kilometer entfernt ist, kann ich angesichts des Warenangebots nur schwer glauben. „Entschuldigung?“. An mir schiebt sich ein deutscher Bierbauch vorbei, der mit seinem Partyfässchen „Jever“ schwer zu tragen hat. Es gibt sie noch, diese deutschen Inseln in Windhoek.


Sechs Monate bin ich nun schon in Namibia, Heimatland von mehr als zehn Volksstämmen und unzähligen weiteren Untergruppierungen. In ihrer Geschichte verwurzelt, sind sie quer im ganzen Land verteilt. Die Ovambo im Norden, die Himba im Nordwesten, die San im Nordosten, Baster und Coloureds im Süden, Deutschnamibianer auf den Farmen im ganzen Land. Es gibt nicht viele Städte in Namibia, aber in der Hauptstadt Windhoek wird der „Clash of Cultures“ so deutlich wie ich es nicht erwartet hätte. Was die einen als kulturelle Vielfalt preisen, ist für anderen die Ursache für viele Probleme im Land. Ich erinnere mich an die frustrierten Worte eines belgischen Entwicklungshelfers über den zermürbenden Kampf, ethnische Trennungen aufzuheben und alle Stämme aktiv in die Politik miteinzubeziehen. Ein Kampf, der geführt werden muss. Denn nach wie vor wird die von fast ausschließlich Ovambo unterstütze SWAPO-Partei (South West Africa People’s Organisation) mit bis zu 80% der Stimmen gewählt.


Seit 19 Jahren ist Namibia politisch unabhängig und fängt gerade erst an, seine eigene Identität zu entwickeln. Die Auswirkungen der über Jahrhunderte andauernden Kämpfe und Besatzungen des Landes sind ein Teil davon. Sei es der südafrikanische Rand, mit dem anstatt des namibischen Dollars gezahlt werden kann, das Linksfahrgebot, ein Überbleibsel der britischen Krone, oder das deutsche Reinheitsgebot, nach dem das Windhoek Lager gebraut wird - die Geschichte wurde geschrieben, große Teile davon durch unsere Vorfahren. Und diese Geschichte ergibt zusammen mit dem neuen, jungen Namibia einen perfiden Mix.


Einem Mix, den man sich nicht entziehen kann. Fährt man in den Norden Windhoeks, führt einen die „Hans-Dietrich-Genscher Straße“ in die Vorbezirke von Katutura. Schlendert man durch die Innenstadt entlang der Independence Avenue, sind historische Gebäude Zeugen einer anderen Zeit. Wo sich die „Robert Mugabe Avenue“ mit dem „Sam Nujoma Drive“ (benannt nach dem ersten Präsidenten und obersten Freiheitskämpfer) kreuzt, erinnern Christuskirche und Reiterdenkmal an die deutsche Herrschaft in Südwestafrika. Das Reiterdenkmal aus dem Jahre 1912 steht symbolisch für mehr als 1700 während des Herero-Aufstandes gefallene deutsche Soldaten. Dass im Gegenzug zehntausende Hereros ihr Leben lassen mussten, interessierte damals nicht.

Damals nicht. Doch die politische Führung des heutigen Namibias versucht sich zu emanzipieren, einige sagen zu „degermanisieren“. Strassennamen, Relikte aus der Kaiserzeit, werden nach und nach umbenannt. Anti-Deutschland Parolen werden für den Wahlkampf instrumentalisiert. Und auch der deutsche Reiter zieht um, an einen weniger exponierten Platz. Er muss weichen für ein neues Museum über den Freiheitskampf zur Unabhängigkeit.


Die Zukunft wird zeigen, welchen Platz den Deutschnamibiern in diesem Land bleibt. Meine Hoffnung ist, dass eines Tages Weiße, Schwarze und Coloureds zusammen das neue Namibia formen - ohne historische Belastungen und Schuldzuweisungen. Was diese Hoffnung nährt, ist die Offenheit der jüngeren Generation, die wir ganz besonders erfahren. Sie kennen den Freiheitskampf selbst nur aus Erzählungen. Und werden vielleicht ihren Kindern selbst irgendwann von ihren (weißen) Freunden erzählen.


Steffen
(Ein paar Eindrücke aus Windhoek, meiner Wohnung und dem Nachtleben findet ihr im Album!)

Montag, 3. August 2009

Elefant, Giraffe & Co. - 4000 Kilometer durch das südliche Afrika

Unser erster Besuch aus Deutschland erreicht uns Mitte Juni. Markus, ein Münsteraner Kommilitone, ist zu Besuch gekommen und zusammen mit Fred und Clementine will ich in den zwei Wochen das sehen, was man sonst nur aus dem Bilderbuch kennt: Victoria Falls, Chobe, Moremi, das Okavango-Delta - 4000 Kilometer durch Namibia, Botsuana und Zimbabwe. Aber mittlerweile wisst ihr ja auch, wie das hier ist mit den Entfernungen…

Unsere erste Station, der Caprivistreifen, führt uns zwar in einen Teil Namibias. Dass sich die Caprivianer jedoch aufgrund ihrer Geschichte als eigenes Volk, wenn überhaupt als Botsuaner fühlen, stellen wir fest, als wir an verschlossenen Türen der Wechselstube in Katima Mulilo rütteln. Meine Armbanduhr zeigt mir 12 Uhr namibische Zeit. Im Caprivi ist es jedoch - wie in Botsuana - schon 1 Uhr. Und auch sonst hat dieser schmale Landstrich im Nordosten Namibias seinen ganz eigenen Charakter. Kurz nachdem wir den Veterinärzaun passieren und unseren Geländewagen Richtung Rundu steuern, füllt sich die Landstraße. Sind wir vorher hunderte von Kilometern unter uns gewesen, rücken die Dörfer jetzt ganz nah an die Straße heran. Links und rechts der Fahrbahn gehen Kinder von der Schule nach Hause, tragen die Frauen ihren Einkauf auf dem Kopf zu ihren Holzhütten.

Eigentlich ist der Caprivi eine eigene einwöchige Reise wert. Wir befinden uns aber nur auf der Durchfahrt - zu den Victoria Falls. Folgt man den Ratschlägen der gängigen Reiseführer, sollte man sich diese aus Sicherheitsgründen von der zambischen Seite anschauen. Aber wann hat man schonmal wieder die Chance nach Zimbabwe zu fahren? Und so passieren wir bereits in der Dunkelheit den einem Bauernhof ähnelnden Grenzübergang ins Robert-Mugabe-Land. Um ein Haar wären wir übrigens ungewollt doch nach Zambia übergefahren. Gut, dass wir in der Grenzstadt Kazungula im Dreiländereck noch einmal genau nachgefragt haben („Border to Zimbabwe here?“ - „No no, this is Zambia. Zimbabwe is one kilometre over there“). Auf unserer 2-Stunden-Fahrt zu unserem Campingplatz in Victoria Falls begegnet uns nicht ein einziges Auto. Nur sehe ich plötzlich etwas Weißes im Fernlicht unserer Scheinwerfer links neben der Straße: die Stoßzähne unseres ersten Elefanten. Im einst florierenden Victoria Falls zeigt sich uns dann, was ein seniler Diktator innerhalb einiger Jahre anrichten kann. Aus den Geldautomaten kommt kein Geld, der eine Straßenhändler würde mir fünf seiner Holznilpferde im Tausch gegen meine ausgelatschten Turnschuhe geben, der andere möchte 100 Trillionen Zimbabwe-Dollar gegen einen US-Dollar wechseln.

Zum Glück gibt es Dinge, die sich dem Einfluss der Politik entziehen, und dazu gehört meistens die Natur. Auf gigantischen 1700 Metern donnert vor uns der Zambezi River in die Tiefe - mehr als eine Million Liter Wasser pro Sekunde. Dass wir bereits nach wenigen Minuten bis auf die Unterhose durchnässt sind, stört angesichts der angenehmen Temperaturen nicht. Schaut euch die Fotos an...

Mag das Land in einem wirtschaftlich noch so miserablen Zustand sein, die Menschen in den kleinen Touristenort Victoria Falls geben sich alle Muehe, dieses auszublenden. An der Grenze sagt man uns schliesslich: "See, Zimbabwe is not like you read in the newspapers. Come back one day!" Und so verlassen wir Zimbabwe schließlich mit dem Bedürfnis, die Reiseführer umzuschreiben. Und machen uns auf den Weg nach Kasane am Chobe National Park und zum Moremi Game Reserve in Botsuana - einem Paradies für Tierfotografien, aber auch einem der exklusivsten Ziele in Botsuana. Wir campen nur ein paar Meter neben einer Luxuslodge direkt am Chobe River, dem Wasserreservoir für Tiere der unterschiedlichsten Arten. Nach einer Bootstour im Sonnenuntergangslicht können wir bereits drei der „Big Five“ der Tierwelt abhaken: Löwe, Büffel, Elefant. Letztere sogar schwimmend den Fluss durchquerend.

Den Okavango-Fluss haben wir bereits vor einigen Tagen überfahren. Was sich uns aber während unseres 3-Tage Aufenthaltes in Maun präsentiert, wird auch der „Juwel der Kalahari“ genannt, das Okavango-Delta. Auf einer Fläche der Größe Schleswig-Holsteins bietet das Delta natürlichen Lebensraum für tausende Tierarten - und es verändert sich. Dort, wo im letzten Jahr vielleicht noch Trockensavanne gewesen ist, sehen wir während unseres 1-stündigen Rundflugs in Sumpflandschaften lebende Elefantenherden. Große Teile des Deltas sind mit dem Auto und dem Boot nicht zu erreichen. Doch wer sich eine der noblen Lodges auf diesen Inseln leisten kann (bis zu 500 USD am Tag), den schmerzt vermutlich auch der Helikopter-Flug nicht. Wir greifen vorerst auf ein traditionelleres Transportmittel zurück, die aus einem Holzstück gefertigten Mokoros, und lassen uns von zwei Einheimischen einen Tag auf dem Thamalakane River durch das Delta staken.

Ein neben uns zeltender holländischer Tour-Guide gibt uns schließlich einen Tipp für die letzten zwei Tage unserer Reise und so fahren wir nochmals in den Norden Botsuanas, zu den von den San bewohnten Tsodilo Hills. Hier bietet sich uns ein faszinierender Ausblick auf die Kalahari-Wüste - mehr als 100 Kilometer in jede Richtung, ohne eine Spur von Zivilisation. Und nicht zuletzt rechtfertigen wir auch die Anmietung eines Allradfahrzeugs, denn nur mühsam gräbt es sich durch den tiefen Sand der Kalahari.

Drei Länder haben wir in den letzten Tagen gesehen, drei Länder, die sich trotz ihrer unterschiedlichen politischen Struktur und natürlichen Ressourcen den gleichen wirtschaftlichen Herausforderungen gegenüber sehen. Auch in Windhoek fehlt es einem (als Weißer) an nichts. Als wir in Botsuana jedoch kurz vor unserer Rückfahrt nach Namibia noch einmal unsere Vorräte auffüllen - die uns leider an der nächsten Veterinärkontrolle fast vollständig wieder abgenommen werden -, fällt mir auf, dass die Supermärkte in Botsuana fast auf europäischem Niveau sind. Wieso ist dieses Land, welches auf die gleiche koloniale Geschichte wie Namibia zurückblickt und über die gleichen natürlichen Reichtum in Form von Diamanten verfügt, seinem Nachbarn in der wirtschaftlichen Entwicklung ein gutes Stück voraus? Es gibt nicht nur einen Grund, aber eine seit mehr als 10 Jahren stabile Regierung und Investitionen in das Bildungswesen in Höhe von 40% der Wirtschaftskraft mögen eine Rolle spielen. Vielleicht kann Botsuana so den Weg vorzeichnen, den Namibia einmal gehen wird. Und gehen sollte.

Steffen